Ein Projekt vom KULTURWERK-SH aus der Serie:
ST_ART_ der Begegnung
EINhaus –
ein Haus erzählt Geschichte(n)
KUNSTPROJEKT 2.0
ZWISCHENDRIN IST EIN ANFANG
Die Ausstellung fand vom 12.10. – 3.11.2024 statt
Einführung Cornelia Regelsberger Kunst und Kulturreferentin
EINhaus – ein Haus erzählt Geschichte(n),
2024 bot das KULTURWERK SH (nach dem ZOLLhaus Projekt 1.0) an, mit den Mitteln der Kunst das Haus in Barmstedt (wieder) in das Bewusstsein der Menschen zubringen und der tradierten Funktion des Hauses, als ein Ort der Begegnung, der Zusammenkunft und dem Beginn neuer Lebendigkeit, wieder Raum zu geben.
Foto: Silke Rath, Ana Kostova, HannaH Rau
EINhaus
Sie sind jetzt herzlich eingeladen jetzt online dabei zu sein.
EINhaus „ZWISCHENDRIN IST EIN ANFANG“ KUNSTPROJEKT 2.0
beschreibt künstlerische Projekte in Häusern, die für einige Zeit leer stehen (im Jahr 2023 war es das Zollhaus in Pinneberg mit einer vielbeachteten Ausstellung). Die Künstler*innen des Kulturwerks SH erwecken die Leerstände zu neuem Leben und weisen mit ihren künstlerischen Aktionen/Eingriffe auf historische Nutzung und/oder zukünftige Nutzungen hin – geben den BesucherInnen Raum für Austausch. Bei der Jugendbildungsstätte Barmstedt steht auf dem Gelände/Garten der Begegnungsstätte ein kleines Haus leer, dass eines Tages als Büro- und Verwaltungsraum genutzt werden wird.
Das Haus wurde nach seiner Fertigstellung zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die verschiedensten Zwecke genutzt. Das Haus ist in seinen ehemaligen Funktionen Zeuge der Geschichte sowie der Menschen, die hier ein und aus gingen. Mit dem künstlerischen Projekt EINhaus füllen fünf Künstlerinnen mit künstlerischen Eingriffen und Positionierungen von Kunstwerken das Haus mit neuem Leben.
Das kleine Haus wurde als Zwischenort, Wäscherei und Übergangsort für die Verstorbenen, später als Teehaus und Wohnraum für Mitarbeiter*innen des Krankenhauses genutzt.
Foto: Jugendbildungsstätte Barmstedt
Einführung zur Ausstellung
Cornelia Regelsberger Kunst- und Kulturreferentin
In Barmstedt am Rantzauersee hat das KULTURWERK SH ein kleines, feines und mal wieder sehr faszinierendes Kunstprojekt mit fünf Künstlerinnen aus Schleswig-Holstein auf die Beine gestellt.
Das KULTURWERK SH, das sich mit vielen ungewöhnlichen Kunstprojekten einen Namen gemacht hat, fand – nach dem Zollhausprojekt in Pinneberg 2023 – auch für dieses Kleinod eine Idee. Unter dem Motto EINhaus -„Ein Haus erzählt Geschichte(n)“, wurden fünf Künstler*innen aus SH von einer Jury ausgesucht, die das Haus nun für einen Monat aus dem Dornröschenschlaf wecken und für Besucher*innen zugänglich machen. Auf kleinstem Raum und ohne das Haus in seinem Zustand zu verändern, stellen jetzt die fünf Künstlerinnen aus. Ein Ausflug, in die Kunst der sich lohnt und anrührt. Bei der Eröffnung fand ein lebendiger Austausch statt zu Raum und Perspektive in asiatischen und westeuropäischen Kulturräumen, zu Sprach- und Schriftdominanz und wie persönliches Erleben Erinnern verändert aber auch der aktiv vorgenommene Perspektivwechsel.
ARCHIV RUNDGANG
DER AUSSTELLUNG „EINhaus“
BRIGITTA HÖPPNER
Schon im Eingangsflur hält BRIGITTA HÖPPNER ein irritierendes Wahrnehmungsspiel für die Besucher*innen bereit: mit neonfarbenem Tapeband hat sie räumliche Zeichnungen auf die Wand aufgebracht. Die Raumwahrnehmung verschiebt sich, neue, nicht vorhandene Perspektiven scheinen sich zu öffnen. Treppen scheinen zu sein, wo keine sind, und das beobachtende Auge versucht sich irritiert an der ins Dachgeschoss führenden realen Treppe zu orientieren.Der Betrachtungsstandpunkt und die Wahrnehmung werden durch die Tape-Zeichnungen verunsichert, zugleich wird auf die Bedeutung der Zentralperspektive in der Kunst bzw. im Erkennen und Deuten von Welt hingewiesen.
„auf den zweiten Blick“, I , 2024,Acryl auf Foto, 21 x 29 cm, gerahmt
„ein Haus weiter“, I,
Tapezeichnung auf der Wand, 2024
RAUM: Flur
Fotos: Brigitta Höppner
Zu den Tape-Zeichnungen hat die Künstlerin übermalte und gerahmte Fotos gehängt. Im dokumentierenden Foto werden perspektivische Raumlinien betont und das Bild wird zur abstrakten Grafik. Es sind übermalte und zeichnerisch veränderte Fotos, die für alle Künstlerinnen von der Künstlerin mioq für die Projektausschreibung, gemacht wurden, um die Vorarbeiten für die Ausstellungen zu ermöglichen. Diese Arbeitsfotos werden mit den Übermalungen und den Zeichnungen zu eigenständigen Kunstwerken. Die milchigen Übermalungen vermitteln ebenso wie die Wandzeichnungen Räume, die unser Sehen als Konstrukt zeigen und zu bewussterem Sehen anregen.
SILKE RATH
hat zwei Installationen aufgebaut. Eine Videoarbeit ist in der ehemaligen Küche des Hauses installiert, die flirrende Farb- und Bildformate an die Wand projiziert und mit Küchengeräuschen Erinnerungsräume aufscheinen lässt – „mind your gap“ warnt der Titel der Arbeit. Die Künstlerin hat Familienfotos in vielen archäologischen Arbeitsschritten gesichtet und dokumentiert. Sie hat Dinge und Erinnerungen freigelegt und in der Videobearbeitung gleichsam wieder vergehen lassen – kaum wahrnehmbare Farbspuren blitzen aus einem unscharfen und zugleich anregenden Bilderreigen. Die Videoarbeit zeigt, dass Erinnerungsarbeit eine nicht fixierbare Spur legt, dass Erinnern eine flüchtige, sich immer wieder verändernde Form hat. Eine Vermessung des Elternhauses ist nicht möglich – nur vage Erinnerungsschnipsel bleiben.
Mind Your GAP, 2024
Audio
RAUM: Küche
Videoprojektion Mind your Gap, 2024
Fotos: Silke Rath
Eine weitere Arbeit von SILKE RATH ist im ehemaligen Wohnzimmer des Hauses auf einer vorgefundenen tiefroten Wand zu finden: 10 Bilderrahmen im eleganten Grau sind in Reihe gesetzt – in diesen präsentieren sich unscharfe Bilder einer Erkundungstour, die sie in ihrer eigenen Wohnung in der Coronazeit unternahm. Eingesperrt in ihren Alltagsraum, unternahm sie eine „home safari“.
home safari 2020
Fotos: Ana Kostova
Bis in die unbekanntesten und kleinsten Winkel führte sie ihre Beobachtungsreise, zu bisher nicht entdeckten und nicht wahrgenommenen Eindrücken. Teppichfussel, geometrische Muster, dunkle Ecken breitet die Künstlerin zu bildwürdigen und zugleich nicht definierbaren Schönheiten aus. Auch diese Arbeit ist in ihrer archäologischen Struktur und in der Wertschätzung des Kleinen und Vergänglichen, eine Arbeit, die sich mit Wahrnehmung und Erinnern befasst und zugleich zeigt, dass der Perspektivwechsel neue Handlungsoptionen erschließt.
RAUM: Wohnzimmer
ANJA BADNERS
Gegenüber der roten Wand des ehemaligen Wohnzimmers und vor einer sonnendurchfluteten Fensterfront hängen sechs großformatige, farbig erweiterte Graphit-Frottagen von ANJA BADNERS. Das Sonnenlicht lässt die Farben auf den großen hängenden Papierbahnen leuchten, während der durch das Haus ziehende Wind die weichen Papierbahnen in Bewegung setzt – naturhaft und zart wirken die tanzenden Papiere, als sei das Frühjahr schon da und als sei das Neue schon eingezogen in das alte Haus. Vier Tage hat die Künstlerin Abriebe (Frottagen) im Haus aufgenommen, um die Lebensspuren des Hauses in den weichen Papierbahnen zu bergen. Schwarze Kohleabriebe erzählen von Rissen in Fußböden und Wänden, von haarfeinen Verletzungen auf den Treppenstufen. Die grafische Spurensuche erweitert die Künstlerin mit feinen Übermalungen und überführt so das Alte in eine neue, eigene Bildwelt. Das Alte ist geborgen und eingeschrieben in die Papierbahnen und zugleich durch die Künstlerin aktiv in ein eigenes verwandelt. Die Künstlerin hat sich als handelnde Person in die Erzählung des Hauses eingeschrieben.
Ein Haus,
Zeichenkohle, Ölfarbe auf Chinapapier 6 x ca. 300 x 97 cm, variabel; 2024
Foto: Anja Badners
RAUM: Wohnzimmer
HANNAH RAU
Auf der anderen Flurseite des Hauses führt eine angelehnte Tür in einen Technikraum, den HANNAH RAU gestaltet hat. Aus der Kammer kommt eine gleichförmige Stimme, als spreche die Stimme zu sich selbst und als sei die sprechende Person die Pflegerin einer im Bett liegenden Frau. Während die Stimme die Pflegehandlungen beschreibt, scheint der Blick der pflegenden Person zugleich aus dem Fenster in die Natur zu gehen. Ein kleines Bett steht auf einer der schmutzigen Bodenfliesen der Kammer, am Spülstein hängt ein Waschlappen. An der Flurwand neben der Tür hängt der Titel der Arbeit: „Wachkoma“ sowie der im Raum vorgetragene Text. Dem Betrachtenden bleibt es überlassen, die Dinge zueinander in Beziehung zu setzen: die Vernachlässigung und Empathielosigkeit, das Abgeschoben-Sein, die Einsamkeit der Pflegenden und der im Koma liegenden Person, die Mechanisierung der Pflegearbeit. All die im Raum inszenierten Leerstellen müssen die Besucher*innen selbstständig in Erzähl-zusammenhänge bringen – ein Raum der Beziehungslosigkeit und Empathie-losigkeit, der zugleich versucht, die innere Leere in die Aufmerksamkeit zu bringen. Die Künstlerin lässt auch bei ihrem Titel „Wachkoma“ offen, ob der Titel nicht das Motto einer Gesellschaft meint, die Beziehungslosigkeit hervorbringt.
Wachkoma, 2024
Installation mit poetischer Prosa
Fotos: Birgit Bornemann
RAUM: Technik
ANA KOSTOVA
besticht mit der Farbenfreude ihrer drei plastischen Gemälde, die im gegenüberliegenden Raum inszeniert werden. Dreidimensional sind ihre Bilder, und sie werden nicht nur als Wandobjekte im Raum präsentiert. Ornamentale Formen, farbige Rhythmen und Muster, die von römischen Mosaiken inspiriert wurden, bauen sich als Plastiken im Raum auf oder verstellen einfache Raumperspektiven. Es sind farbig gefasste und akkurat gearbeitete Holzarbeiten, die die Künstlerin nach Zeichnungen an großen CAD-Maschinen arbeitet. In strahlendem Blau stellt die Künstlerin z.B. eines ihrer plastischen Gemälde in den Raum, welches an eine Tür erinnert und korrespondiert mit der weißen Tür, die in den Raum hineinführt. Das blaue Gemälde öffnet keine Tür in einen realen Raum, wohl aber gibt es Raum für Wahrnehmung und Fantasie – es öffnet sich eine Tür in einen anderen Raum. Die Arbeiten verbinden sich optisch und sensibel – so als sei es geplant worden – mit den Tape-Zeichnungen im Flur zu einem optischen Spiel zwischen den Räumen und den Künstlerinnen. Beide Rauminszenierungen ergänzen sich zu immer neuen Erfahrungen im Raum, sie öffnen zugleich historische Verbindungen und laden die Räume des realen Erlebens neu auf.
von einem Raum zum anderen, Rauminstallation, 2024
RAUM: Schlafzimmer
Flower 2024,
Acryl auf MDF, 122 x 105 cm,
← Geometric Imagery, 2024
Acryl auf MDF, 127 x 102 cm
Fotos: Ana Kostova
Die fünf Künstlerinnen inszenieren verschiedene Raum-Wahrnehmungen, verschieben Wahrnehmungsstandpunkte und gestalten darin auch Aufforderungen zur Gestaltung von Welt, um sich als handelnde und reflektierende Personen erleben zu können, die Eigenes in die Welt „einschreiben“. Nur fünf Räume standen den Künstlerinnen zur Verfügung, doch ihre Kunst zeigt eine Größe, die hoffentlich viele Besucher*innen nach Barmstedt führt.
Dem ideenreichen KULTURWERK SH und dem Kreis Pinneberg ist es zu verdanken, dass ein denkmalgeschützter Ort, der auf einen Neustart warten, in den Blick der Betrachter*innen gerät.
Cornelia Regelsberger
Kunst- und Kulturreferentin
Fotos und Filme:
Allrights reserved @kulturwerk und alle teilnehmenden Künstler*innen.
mioq
Konzept: #kulturwerk SH
Austellungsblicke:
Fotos: Brigitta Höppner, Silke Rath, Ana Kostova, Birgit Bornemann, mioq, Anja Badners, HannaH Rau

